Emissionsfaktor von Biogas im ETS

Neue Monitoring-Verordnung (MRR) für den ETS

Anfang Januar ist die neue Verordnung (EU) 2020/2085 in Kraft getreten. Es handelt sich um eine Änderung der sog. MRR, also der Monitoring and Reporting Regulation (EU) 2018/2066 über die Ermittlung der Emissionen von dem Europäischen Emissionshandel (ETS) unterliegenden Anlagen. Neben dem üblichen Feintuning kümmert sich die Änderung vor allem um den Emissionsfaktor von Biogas und anderer Biomasse. Diesen regelt die MRR ab 2022 deutlich umfangreicher, leider aber keinesfalls klarer geregelt.

Die Anerkennung von Biogas als Null-Emissionen-Gas durch die Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt) ist schwierig. Da die alte MRR unnötig einschränkend auf das Herkunftsnachweis-System für grüne(n) Strom, Wärme und Kälte verwies, musste die DEHSt eigene Forderungen an die Verwendung anerkennungsfähigen Biogases aufstellen (siehe Kapitel 8.3 dieses Leitfadens). Einer meiner Mandanten hat diese wie folgt in seine Einkaufsbedingungen übersetzt:

"Das Biogas muss den Anforderungen der Biomasseverordnung in der jeweils geltenden Fassung genügen. Der Lieferant muss die biogene Eigenschaft des Biogases durch massebilanzielle Nachverfolgung im Biogasregister der DENA oder per dortigem Liefermodell-Auszug  nachweisen können. Bei außerhalb der Bundesrepublik Deutschland produziertem Biogas muss der Lieferant einen Ausbuchungsbeleg des abgebenden Massebilanzsystems vorlegen und die Massenbilanzierung der Biogasmengen durch eine unabhängige Auditierung bestätigen."

Diese kryptischen Anforderungen waren lange Zeit von geringer praktischer Relevanz. Denn Biogas weist zwar einen Emissionsfaktor von 0 auf, was die Energiekosten bei ETS-Kosten von derzeit rund 30 EUR für eine Tonne CO2 um ca. 6 EUR pro MWh reduziert. Wegen des enormen Spreads zwischen dem Preis für Erdgas und Biogas in Deutschland war es für Anlagenbetreiber aber trotzdem weitaus günstiger, ihre Anlagen mit Erdgas zu betreiben, und eben das dabei emittierte CO2 zu bezahlen. Infolge kräftiger Subventionen in einigen EU-Mitgliedsstaaten nähert sich Biogas aber langsam der Konkurrenzfähigkeit.

Herkunftsnachweise für Biogas

Höchst willkommen wären daher europäische Regelungen zur Anerkennungsfähigkeit von Biogas mit einem ETS-Emissionsfaktor von Null. Leider hat die Kommission dieses dringende Bedürfnis der Industrie verkannt oder ignoriert. Der Verweis auf Herkunftsnachweise wird nun nicht mehr auf das System für grüne(n) Strom, Wärme und Kälte eingeschränkt; ein unionsweites System von Herkunftsnachweisen für Biogas wurde aber nicht eingeführt. Stattdessen kamen neue Anforderungen hinzu, die die Anerkennung von Null-Emissionen-Biogas weiter verkomplizieren: Der neue Art. 39 Abs. 4 MRR wird wie folgt lauten:

Der Anlagenbetreiber kann den Biomasseanteil anhand von Rechnungsunterlagen über den Erwerb von Biogas mit gleichem Energiegehalt bestimmen, sofern er der zuständigen Behörde glaubhaft nachweist, dass

a) ein und dieselbe Biogasmenge nicht doppelt gezählt wird, insbesondere, dass niemand anderes angibt, das erworbene Biogas zu verwenden; dieser Nachweis kann durch die Vorlage eines Herkunftsnachweises im Sinne von Artikel 2 Nummer 12 der Richtlinie (EU) 2018/2001 [RED II] erbracht werden [elektronisches Dokument, das ausschließlich als Nachweis gegenüber einem Endkunden dafür dient, dass ein bestimmter Anteil oder eine bestimmte Menge an Energie aus erneuerbaren Quellen produziert
wurde];

b) der Anlagenbetreiber und der Produzent des Biogases an dasselbe Gasnetz angeschlossen sind. [es dürfte sich um kumulative Voraussetzungen handeln, da die Vermeidung einer Doppelzählung systemisch unverzichtbar ist; der Begriff des Gasnetzes ist leider nicht definiert, sodass die grenzübergreifende Anerkennungsfähigkeit sich nur mittelbar aus Art. 38 Abs. 5 UAbs. 4 MRR ergibt]

Zum Nachweis der Einhaltung dieses Absatzes kann der Anlagenbetreiber auf die Daten zurückgreifen, die in einer von einem oder mehreren Mitgliedstaaten eingerichteten Datenbank gespeichert sind, die die Rückverfolgung der Weiterleitung von Biogas ermöglicht.“

Emissionsfaktor geknüpft an Nachhaltigkeitskriterien

Zumindest die Grundidee blieb unverändert: Biogas ist klimaneutral: Art. 38 MRR wird weiterhin in Abs. 2 die Regelung enthalten, dass der Emissionsfaktor von Biomasse Null beträgt – nun aber ergänzt durch einen Verweis auf folgenden Absatz 5:

Wird auf diesen Absatz Bezug genommen, müssen Biokraftstoffe, flüssige Biobrennstoffe und Biomasse-Brennstoffe, die für die Verbrennung verwendet werden, die Nachhaltigkeitskriterien und die Kriterien für Treibhausgaseinsparungen gemäß Artikel 29 Absätze 2 bis 7 und 10 der Richtlinie (EU) 2018/2001 [RED II] erfüllen.

Biokraftstoffe, flüssige Biobrennstoffe und Biomasse-Brennstoffe, die aus Abfällen und Reststoffen — mit Ausnahme von Reststoffen aus Landwirtschaft, Aquakultur, Fischerei oder Forstwirtschaft — hergestellt werden, müssen jedoch lediglich die Kriterien gemäß Artikel 29 Absatz 10 der Richtlinie (EU) 2018/2001 erfüllen. Dieser Unterabsatz gilt auch für Abfälle und Reststoffe, die vor ihrer Weiterverarbeitung zu Biokraftstoffen, flüssigen Biobrennstoffen und Biomasse-Brennstoffen zuerst zu einem anderen Produkt verarbeitet werden.

Strom, Wärme und Kälte, die aus festen Siedlungsabfällen erzeugt werden, unterliegen nicht den in Artikel 29 Absatz 10 der Richtlinie (EU) 2018/2001 festgelegten Kriterien für Treibhausgaseinsparungen.

Die in Artikel 29 Absätze 2 bis 7 und 10 der Richtlinie (EU) 2018/2001 festgelegten Kriterien gelten unabhängig von der geografischen Herkunft der Biomasse.

Artikel 29 Absatz 10 der Richtlinie (EU) 2018/2001 gilt für Anlagen im Sinne von Artikel 3 Buchstabe e der Richtlinie 2003/87/EG [diese kryptische Formulierung dürfte auf die in der ETS-RL weit gezogenen Anlagengrenzen Bezug nehmen, die auch  verbundene Aktivitäten umfassen].

Die Einhaltung der in Artikel 29 Absätze 2 bis 7 und 10 der Richtlinie (EU) 2018/2001 festgelegten Kriterien wird gemäß Artikel 30 und Artikel 31 Absatz 1 dieser Richtlinie bewertet.

Entspricht die für die Verbrennung verwendete Biomasse nicht diesem Absatz, so gilt ihr Kohlenstoffgehalt als fossiler Kohlenstoff.